Radio Eins Interview

Als vor kurzem mein Telefon klingelte freute ich mich sehr als mich ein Redakteur von Radio Eins begrüßte. Sie hätten mich gerne in der Sendung ‚Zwei für Eins‘ am Sonntag zu dem Thema ‚Tolle‘… Ich war erst skeptisch, ob ich denn die richtige Ansprechpartnerin bin, aber der Redakteur war davon überzeugt das es Sinn macht für das Interview Sonntag früh extra nach Potsdam zu kommen. Also überlegte ich, ob das wirklich sinnvoll sei und ob ich es im Anschluss rechtzeitig nach Mitte ins Ballhaus zum Old Flea Market schaffen würde. Der Routenplaner meinte es sei zwar ein straffer Zeitplan, aber machbar und so sagte ich zu, stand Sonntag seeeeehr früh auf und fuhr mit einem heißen Kaffee in strahlender Sonne nach Potsdam zum rbb.
Parkplätze gab es zu Hauf, denn um diese Zeit müssen scheinbar nicht so viele dort erscheinen. Der Portier war sichtlich irritiert als er mich mit vier riesigen Tüten durch die Tür kommen sah! Ich hatte vier Kleiderpüppchen dabei, um den Jungs zu zeigen, was Redcat 7 eigentlich macht. Oben im Sendestudio angekommen, lernte ich Sven und Daniel kennen. Zwei sehr nette lockere Typen in einer entspannten Atmosphäre. Und ich kann sagen, der Kaffee beim rbb schmeckt auch, denn da bekam ich von dem netten jungen Redakteur auch gleich einen. Wahrscheinlich deshalb, da ich im Vorfeld damit drohte eventuell vor Müdigkeit mit dem Kopf stumpf auf ihren Tisch zu knallen… Die Sendung ‚Zwei für Eins‘ begann und ich saß entspannt vor dem Sendestudio und schaute mich um. Eine viertel Stunde später ging es los. Wir packten in der Sendepause, als ein Musiktitel gespielt wurde meine Puppen aus und ich bekam meinen Platz am Mikrophon gezeigt. Ich habe schon viel mit Fernsehteams zu tun gehabt, aber in einer Radio Station war ich noch nie. Deshalb fand ich es noch spannender alles zu sehen und den Ablauf zu verfolgen. Man steht vor den Mikros oder sitzt auf einer Art Barhocker. Vor den Redakteuren befinden sich Monitore, auf denen wir vor dem Interview noch einen passenden Musiktitel aussuchten. Straycats, das passt doch immer zu Rocknroll und Mode und der ein oder andere wird diese Band wohl auch kennen.
Und dann kam das Interview. Ja, und genauso schnell war es auch schon wieder vorbei. Es hatte so viel Spass gemacht und ich hätte noch so viel erzählen wollen wie die Szene und deren Mode sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat.
Beispielsweise wie wir damals Anfang der 80er Jahre die Klamotten unserer Eltern aus der Rocknroll Zeit abstaubten, da es kaum möglich war nach London zu fliegen, wo es damals die ersten Rocknroll Shops gab. Wir waren Teds oder Rocker, hörten größtenteils die alten Musikers und Bands. Unsere Jungs hatten riesige fetttriefende Tollen oder benutzten noch Haarspray dafür. Sie trugen entweder eng geschnittene Anzüge mit spitzen Schuhen oder lange Drapes mit Weste, Hemd und einer schwarzen Schleife am Kragen. Wir Mädels trugen alte Petticoats, die wir tatsächlich noch mit Zuckerwatte versteiften oder Cocktailkleider aus Satin. Ich fing damals schon an mir die Outfits selbst zu schneidern. Es gab bald ein paar Second Hand Shops und wir fuhren auch schonmal in den ersten Autos von Freunden, die als erste den Führerschein hatten, in weiter gelegenen Städte dafür. Man hatte entweder Glück wie ich, deren Mutter viele Kleider aufgehoben hatte oder man wurde eben kreativ. Die Haare schnitten wir uns selber, da es keinen Friseur gab, der unsere Wünsche verstand! Die wenigen Konzerte und Festivals wurden gebührend gefeiert. Zu sechst fuhren wir im Auto nach Holland um einen bekannten Musiker zu sehen! Mädels die neu in unsere Szene wollten wurden erst einmal ausgecheckt und auch mal böse behandelt, wenn sie einem nicht passten, da man der Meinung war, das sind eh nur Pseudos, die nur wegen unserer coolen Jungs auf einmal auftauchten. Auf Parties wurde noch geschwooft, also eng umschlungen getanzt und auch mal geknutscht. Irgendwie glaube ich waren wir damals nicht nur zeitlich den 50er Jahren näher als der Rocknroll es heute ist.
Mitte der 80er Jahre wurde es härter. Es kam die Psychobilly Bewegung auf. Die Tollen wurden riesig und auch ich hatte ein grünes mega Brett auf dem Kopf. Es wurde toupiert und mit viel Haarspray fixiert. Die Jeanshosen wurden für weiße Flecken mit Domestos behandelt. Die Sohlen der Creeps wurden höher, es gab mittlerweile auch schon einen Shop in der nächsten Großstadt wo man die Outfits kaufen konnte. Leider musste man sich zu dieser Zeit aber auch mehr beweisen und es entstanden fast Bandenkriege zwischen Teds, Psychos und Skinheads. Eigentlich kannte zwar jeder jeden, aber es gehörte nunmal zum guten Ton sich mit den anderen zu kloppen.
Kurz nach dieser Zeit zog ich nach Berlin. Ein noch härteres Pflaster was die Szene anging. Ich hatte Glück die richtigen Leute kennen zu lernen, die mich direkt aufnahmen. Hatte man zu dieser Zeit keinen Mäzen, wurde man vielleicht nicht wirklich direkt nett akzeptiert.
Später war man mehr auf Psychobilly Konzerten unterwegs, man wurde verträglicher und alle verstanden sich wieder und man musste sich irgendwann auch nicht mehr die Nasen blutig schlagen. Die Mode wurde burschikoser. Es wurden mehr Jeans und karierte Hemden getragen. Getanzt wurde meist noch einzeln, ich kannte leider zu dieser Zeit niemanden, der Rocknroll tanzen konnte und wenn war das eher ein Bobben…
Erst viel viel später tauchten in Berlin Lindyhop und Jitterbug Tänzer vermehrt auf. Die jungen Leute hatten Lust zu tanzen und taten das auch. Wir mittlerweile alten Leute standen drum herum und versuchten unsere Coolness weiterhin zu wahren.
Als Burlesque in mein Leben trat rollte ein Stein los. Die Mode wurde lebendiger und femininer. Die Frauen waren sich ihrer Weiblichkeit wieder bewusst und wollten das auch zeigen. Die Pin-up Mode kam aus Amerika und England zu uns. Viele Konzerte fanden statt, die Musik im Rocknroll im Allgemeinen wurde vielfältiger. Ich hatte das Gefühl man wurde anderen Bewegungen gegenüber offener und nun war es egal ob man Rocknroller, Swing Dancer, Hep Cat oder Rocker ist. Diese Entwicklungen mit zu erleben war schon interessant und würde auch sicherlich mehrere Bücher voller Anekdoten füllen…
Deshalb ist es nun auch klar, weshalb davon kaum etwas in dem Interview erzählt wurde, denn wie gesagt so schnell wie es anfing, so schnell war es schon wieder vorbei und wir unterhielten uns doch eher um meine aktuelle und mitgebrachte Mode, als um die Trends und Entwicklungen der letzten Jahrzehnte…
Wie auch immer, bei Radio Eins zu sein und Daniel und Sven kennen zu lernen war toll und sobald wieder ein Anruf ins Haus flattert werde ich gar nicht überlegen, denn die Antwort ist jetzt schon: Ja!

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